Globus 1-2006

Liebe GLOBUS-Leser!

Ab April hat der VDA einen neuen Bundesgeschäftsführer: Helmut Graff. Der Oberstudiendirektor hat bis zu seiner Pensionierung das Studienkolleg für ausländische Studierende an der Universität Bonn geleitet und vorher als langjähriger Direktor der Deutschen Schule auf Teneriffa reichlich Auslandserfahrung gesammelt. Die GLOBUS-Redaktion wünscht Herrn Graff in seiner neuen Funktion viel Erfolg und gutes Gelingen! Auf der nächsten Seite erfahren Sie mehr über ihn. Übrigens: Der bisherige VDA-Geschäftsführer Gerhard Müller wird weiter die Geschäfte der VDA-Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH führen und sich als Schatzmeister um die Finanzen des Vereins kümmern.Neu ist auch der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Christoph Bergner. Schon seit November fungiert der CDU-Mann aus Sachsen-Anhalt als Parlamentarischer Staatssekretär, am 14. Februar wurde er von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in sein neues Amt eingeführt. Mit der Verknüpfung beider Ämter solle dem Aussiedlerbeauftragten wieder ein stärkeres politisches Gewicht gegeben werden, ist aus dem Ministerium zu hören. Bergner machte deutlich, Deutschland bekenne sich zur „Verantwortung gegenüber den Angehörigen der deutschen Minderheit, die unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges gelitten haben“. Man werde in den Anstrengungen, den Menschen in den Herkunftsländern bei der Schaffung neuer Lebensperspektiven Hilfe zu leisten, nicht nachlassen, versicherte der neue Aussiedlerbeauftragte, den wir Ihnen ebenfalls in dieser Ausgabe vorstellen.Können dann auch die Deutschen in Polen wieder Hoffnung schöpfen? Seit über zwei Jahren lasse das Bundesinnenministerium den deutschen Minderheitsorganisationen in Polen keine Mittel mehr zukommen, klagt Engelbert Miś, Chefredakteur der in Oppeln erscheinenden Zeitschrift „Schlesisches Wochenblatt“, in seinem GLOBUS-Beitrag. Der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG) sehe deshalb die Zukunft der Polendeutschen bedroht. Auch um die Bildung stehe es nicht gut. Die Deutschen in Polen hätten bis heute kein Gymnasium, wo der Unterricht aller Fächer (außer Polnisch und Geschichte) in der „Sprache ihres Herzens“ stattfände. Im ehemals deutschen Schlesien, in Pommern und Ostpreußen fehle ein Lehrbuch, aus dem die polnischen Mitbürger etwas über die bikulturelle Geschichte dieser Regionen erfahren könnten. Zwar seien die Deutschen in der Woiwodschaft Oppeln politisch mit am Ruder. „Doch – und das ist unsere große Schwäche: Wir haben es noch nicht gelernt, Verwaltungsgewalt zum Wohl der gesamten Minderheit wahrzunehmen“, konstatiert der Autor nüchtern in seinem Beitrag, den Sie auf Seite 8 finden.Wußten Sie, dass die Kuppel des Kapitols in der US-Hauptstadt Washington von einem deutschen Architekten erbaut wurde? Dass das älteste Haus der Stadt, „das alte Steinhaus“, einem deutschen Tischlermeister gehörte? Und dass ein Brauereibesitzer aus Thüringen sich in Washington ein Traumschloss errichten ließ? GLOBUS-Autorin Dorothea S. Michelman ist den Spuren der Deutschen in der amerikanischen Hauptstadt nachgegangen. Lesen Sie ihren interessanten Beitrag ab Seite 14. Ebenfalls ans Herz legen möchte ich Ihnen den Artikel über die aus dem sächsischen Ort Siebenlehn stammende Naturforscherin Amalie Dietrich, die in Australien zehn Jahre als Botanikerin unterwegs war. GLOBUS-Autor Gerd Stolz hat ihre außergewöhnliche Geschichte für Sie recherchiert und aufgeschrieben (S. 16-17). Wie immer wünsche ich Ihnen eine anregende und interessante Lektüre.

Herzlichst Ihr
Frank Schüttig
Chefredakteur

Inhalt

Editorial

Aktuelles

  • Neuer VDA-Geschäftsführer: Helmut Graff
  • Neuer Aussiedlerbeauftragter: Christoph Bergner

Jubiläum
  • 50 Jahre Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen in Berlin

Minderheiten
  • Engelbert Mis: Deutsche in Polen bangen um ihre Zukunft

Auswanderung
  • Bodo Bost: Das deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven

Jugendaustausch
  • Badisch in Freiburg gelernt: Ariel Araujo Sosa aus El Salvador
  • Aus Eldorado nach Mecklenburg: Austauschschüler aus Südamerika besuchten Schwerin

Reisebericht
  • Wolfram Euler unternahm eine Tour zwischen Walsersiedlungen und Viertausendern in Piemont

Spurensuche
  • Zeugnisse deutscher Architektur und Kunst in der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington

Geschichtliches
  • Gerd Stolz über die sächsische Naturforscherin Amalie Dietrich in Australien

Bücher
  • Peter Haigis/Gert Hummel: Schwäbische Spuren im Kaukasus
  • Karl-Markus Gauß: Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer

Aus den Landesverbänden

Panorama/Leserbriefe

Deutsche in Polen bangen um ihre Zukunft


Von Engelbert Mis


Seit über zwei Jahren lässt das deutsche Bundesministerium des Innern den deutschen Minderheitsorganisationen in Polen keine Mittel mehr zukommen. Auch bei der Stiftung für Entwicklung Schlesiens (SES), die nicht zuletzt dazu gegründet wurde, die deutsche Minderheit (DMI) finanziell mitzutragen, werden die Geldressourcen immer knapper. Angesichts dessen sieht der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG) die Zukunft der Polendeutschen bedroht.

Im Jahr 1989, sechs Monate vor der gerichtlichen Registrierung deutscher Vereinigungen in Polen, hatte Hans-Dietrich Genscher mehrere Delegierte der Minderheit nach Warschau in die deutsche Botschaft zu einer Gegenüberstellung zitiert. Während die deutschen Schlesier in einem der Botschaftsräume Platz nehmen durften, stand Genscher hinter einer Tür und horchte, in welcher Sprache sich seine ungewöhnlichen Gäste denn unterhalten würden. Als er feststellte, es sei „echtes Deutsch“, gestand er mit entwaffnender Ehrlichkeit, seine Regierung sei ja ahnungslos darüber gewesen, dass in den ehemals deutschen Gebieten Polens noch eine halbe Million Deutsche lebten.

Um die binnen kurzem in zehn polnischen Woiwodschaften/Ländern entstandenen rund 600 Deutschen Freundschafskreise (DFK) zu unterstützen, ging man gleich zu Beginn der neunziger Jahre daran, aus Deutschland kommende Steuergelder auf einem Konto der kurz zuvor in Oppeln gegründeten SES zu sammeln. Seither kommen Geldmittel der Stiftung auch Mittelstandsunternehmen und der Landwirtschaft als Vorzugsdarlehen zu Gute. Da mit diesen vor allem neue Maschinen gekauft worden sind, hat die deutsche Minderheit so bis heute zur Schaffung von etwa 10.000 neuen Arbeitsplätzen beigetragen. Aus zurückgezahlten Darlehen werden meist neue Kredite gewährt, und die Zinsen, so genannte Rückflussmittel, sichern DFKs das Überleben. Diese Gelder sind in den letzten Jahren stark geschmolzen. Von den Ausgabenkürzungen sind sämtliche Wirkungsbereiche der DMI betroffen. So sind die Mittel, mit denen deutsches Kulturgut bewahrt wird, inzwischen beinahe auf Null reduziert.

Auch die deutsche Bildung wird zunehmend blockiert: Anders als mehrere andere nationale Minderheiten haben die Deutschen bis heute kein einziges Gymnasium oder Lyzeum, wo der Unterricht aller Fächer (außer Polnisch und Geschichte) in der „Sprache ihres Herzens“ stattfände. Sogar im ehemals deutschen Schlesien, Großpolen, Pommern und Ostpreußen (heute Ermland-Masuren) fehlt bis heute ein fundiertes Lehrbuch, aus dem die dort lebenden polnischen Mitbürger etwas über die bikulturelle Geschichte dieser Regionen erfahren könnten. Die DMI ist durch zwei Abgeordnete im Unterhaus des polnischen Parlaments, dem Sejm, vertreten. In der Woiwodschaft Oppeln ist sie zusammen mit ihrem Koalitionspartner, der Linksdemokratischen Allianz (SLD), politisch am Ruder. Ihre Vertreter üben in fünf von elf Landkreisen und in mehr als einem Drittel aller Gemeinden der Region die administrative Gewalt aus. Doch – und das ist unsere große Schwäche: Wir haben es noch nicht gelernt, Verwaltungsgewalt zum Wohl der gesamten Minderheit wahrzunehmen.
(Der Autor ist Chefredakteur der in Oppeln erscheinenden Zeitung „Schlesisches Wochenblatt“. )

 

Traumschloss mit Ritterrüstung


Von Dorothea S. Michelman

Der aus Thüringen stammende Brauereibesitzer Christian Heurich ließ sich Ende des 19. Jahrhunderts in Washington einen prunkvollen Herrensitz bauen. Es ist nicht das einzige Zeugnis deutscher Architektur und Kunst in der amerikanischen Bundeshauptstadt.

Zu den bedeutendsten deutschen Wahrzeichen in Washington zählen die Kuppel des Kapitols des deutschen Architekten August Gottlieb Schönborn (1817-1902) und die Kolumbus-Pforten am Haupteingang zur Rotunde, eine Arbeit von Ferdinand von Miller, die in der Königlich-Bayrischen Gießerei in München hergestellt wurde. Im Kapitol hängen die beiden Emanuel Leutze-Gemälde “Westward Ho” und "Washington Crossing the Delaware", für die der Rhein Modell gestanden hat. In der Lobby des Abgeordnetenhaus fällt das schöne Gemälde “The Discovery of the Hudson” von Albert Bierstadt auf.

In nächster Nachbarschaft befindet sich die Kongressbibliothek (1888-1897), die von dem Österreicher John L. Smithmeyer und dem Deutschen Paul Pelz entworfen wurde. In der “Great Hall” kann man die Mosaiken und Buntglasfenster von Hermann Schledermundt und Friedrich Dielman bewundern. Jüngeren Datums (1971) sind die mächtigen Bronzereliefs am Eingangsplatz des J. F. Kennedy Centers “America” und “War and Peace” von Juergen Weber, ein Geschenk der Bundesrepublik. Auf dem Gelände des Washington Monuments erinnert der German-American Friendship Garden an die über 300 Jahre alte deutsche Einwanderungsgeschichte (1683-1983). Deutsche Spuren lassen sich überall finden, auch an verschiedenen Denkmälern – das berühmteste ist wohl das von General Friedrich von Steuben, ein Werk von Albert Jaeger, im Lafayette Park gegenüber vom Weißen Haus. Vor der Luther Memorial Church am Thomas Circle steht eine Kopie des Reformators in Worms. Eine weitere Statue würdigt den prominenten deutschen Arzt Samuel Hahnemann.

Besucher der National Cathedral in der Wisconsin and Massachusetts Avenue können die stolzen Bronzepforten von Ulrich Henn bewundern und sich an den Buntglasfenstern von Hans Kaiser erfreuen. Inmitten des geschäftigen Großstadttrubels von Georgetown, eine im 18. Jahrhundert für den Tabakhandel bedeutende Hafenstadt an der amerikanischen Ostküste und heute Nobelgegend Washingtons, befindet sich ein kleines Schmuckstück: The Old Stone House (Das alte Steinhaus). Es wurde 1766 von Christopher Lehmann, auch als Layman bekannt, errichtet  Das Haus diente der Familie und dem Tischler- und Drechslermeister als Heimwerkstatt. The Old Stone House ist Washingtons ältestes Haus und steht unter Denkmalschutz. Das ehrwürdige, im urdeutschen Stil angelegte fünfräumige Steinhaus ist heute völlig restauriert und mit Möbeln, Haushaltsgeräten und Tischlerwerkzeugen aus der damaligen Zeit ausgestattet. Hinter dem Haus lädt ein beschaulicher Obst- und Blumengarten zur Entspannung ein. Deutsch- und englischsprachige Broschüren liegen aus. Besuchszeiten bei freiem Eintritt sind mittwochs bis sonntags von 9 bis 17 Uhr. Weitere Auskünfte: The Old Stone House, 3051 M Street, N.W., Washington, D.C. Tel.202-425-6851.

Ein weiteres Stück deutscher Geschichte ist das Christian Heurich Mansion und Museum, unweit von Washingtons Dupont Circle gelegen, einer Gegend, in der sich um die Jahrhundertwende die elegantesten und begehrtesten Adressen der amerikanischen Bundeshauptstadt befanden. Das Mansion steht noch heute, als einziges Überbleibsel einer prunkvollen Epoche. Es ist ein schlossartiges Herrenhaus, reich verziert mit Wasserspeiern, grotesken Menschenköpfen und kuriosen Fabeltieren. Es war ein Traumhaus mit 40 Zimmern, 17 Kaminen und einer prunkvollen Inneneinrichtung und gehörte Christian Heurich (1842-1945). Heurich verließ seine geliebte thüringische Heimat und setzte ihr in Washington ein Denkmal. Die Eltern, Caspar und Anna Margarete Heurich, waren Gastwirte im kleinen Bauerndorf Heina im Herzogtum Sachsen-Meiningen in Thüringen. Mit 16 Jahren war Christian Vollwaise und wanderte Ende der 1850er Jahre durch Nordeuropa als Handwerksbursche, der zunächst das Fleischerei- und dann das Brauereihandwerk erlernen wollte. Als Geselle erfuhr er bald, dass der Weg zum Meister sehr steinig war. 1866 folgte Heurich dem Ruf seiner nach Baltimore ausgewanderten Schwester Elisabeth und gelangte in das “Land der unbegrenzten  Möglichkeiten". Dort arbeitete er einige Jahre im Brauereibetrieb, zuerst in Baltimore, dann in Chicago, bevor er 1872 mit seinem deutschen Partner Paul Ritter die vor dem Bankrott stehende Schnell-Bierbrauerei in Washington erwarb. Wenige Jahre später war er alleiniger Besitzer und taufte die Brauerei in „Christian Heurich Lagerbier Brauerei“ um. Sein Geschäft blühte und er konnte sich von 1892-1894 vom deutsch-amerikanischem Architekten John Grenville sein Traumhaus bauen lassen. Die gesamte Innenausstattung war die Arbeit deutscher Handwerker. Die Schnitzereien stammen von August Grass, die Metallarbeiten von Amandus Joerss.

Für Washington stellt das Heurich Mansion Museum ein wichtiges Stück deutschen Erbes dar. Obwohl die Gegend schon seit den 1870er Jahren mit Prachtbauten deutscher Kaufleute versehen war, steht heute das Heurich Mansion Museum als einziges Wahrzeichen für diese glänzende Epoche. In der großen Eingangshalle sind der prächtige Marmorboden, die handgeschnitzten Möbel, der prunkvoll verzierte Kamin und die Ritterrüstung Erinnerungen an die Innenausstattungen deutscher Renaissanceschlösser. Dagegen bietet der große Salon mit seiner Innenausstattung im Rokoko-Revivalstil und den Deckengemälden eher eine Anlehnung an die großen Salons des französischen Königs Ludwig XV. Besonders imposant ist aber der Speisesaal mit seinem langen, schweren Eichenholztisch und den reich geschnitzten Stühlen im jakobinischen Stil, ebenfalls an deutsche Renaissanceschlösser erinnernd. Dabei ist interessant, dass Christian Heurich, trotz seiner Vorliebe für die Tradition der alten Heimat, sowohl im Hausbau als auch in der gesamten Innenausstattung ein Auge für das Moderne hatte. Zu den Beispielen gehören u.a. ein Fahrstuhl, die modernen Badezimmer und die technisch fortschrittlichen, arbeitssparenden Geräte für das Personal. Als Köchin diente Anna Moor, Nichte des berühmten Komponisten von “Stille Nacht, Heilige Nacht”. Am gemütlichsten ist wahrscheinlich doch die Bierstube, das Frühstückszimmer der Familie, mit feingeschnitzten Thüringer Möbelstücken und den vertrauten Trinksprüchen an den Wänden. Besuchsstunden im Heurich Mansion Museum sind von 10 bis 16 Uhr, Touren werden mittwochs bis einschliesslich samstags um 12, 13 und 15 Uhr angeboten. Weitere Auskünfte: Heurich Mansion Museum, 1307 New Hampshire Ave., N.W. Washington, D.C. 20036 Tel. 202-785-2068.

Das umfangreichste deutsche architektonische Erbe hinterließ aber der Heilbronner Architekt, Stadtplaner und Stadtingenieur Adolf Cluss (1825-1905). Zu seinen über 80 Arbeiten gehören das Smithsonian Arts and Industries Gebäude, die Renovierung des Smithsonian "Castle", der Masonic Temple , der große Eastern Market und zwei Schulen, The Sumner School und Franklin School. Das 100. Todesjahr wurde mit Ausstellungen sowie mit Vorträgen in Washington und Heilbronn gewürdigt. Konzerte, Austauschsprogramme, eine CD und ein neuer "Adolf Cluss Wein" rahmten das vielfältige Gedenkprogramm ein.

Von Interesse sind auch die vom Goethe-Institut veranstalteten Fußwanderungen von Frühjahr bis Herbst in Washington zu Stätten, die einst von deutschen Künstlern und Kaufleuten bewohnt und frequentiert waren. Weitere Auskünfte: Goethe-Institut, 812 Seventh Street, N.W., Washington, D.C. 20001-3718; Tel.1-202-289-1200; www.goethe.de/washington.